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Foto: Ingo Hoffmann

Von Argentinien nach Braunschweig ins Basketballglück

15.03.2016

Lucas Gertz ist wieder fit. Nach seiner im Februar erlittenen Verletzung wird der Löwen-Guard morgen beim Spiel in Crailsheim vermutlich wieder zum Einsatz kommen. Passend zum Comeback stellen wir heute seine Homestory aus dem letzten REBOUND-Magazin online, um den Kämpfer und sympathischen Löwen auch hier einmal näher vorzustellen.


Wir treffen Lucas Gertz nach dem morgendlichen Training im Momo Restaurant, einen Steinwurf entfernt von der Volkswagen Halle. Man kennt ihn hier: Er wird mit einer herzlichen Umarmung in Empfang genommen und auch seine Essensbestellung kennt die Bedienung aus dem Effeff. Passenderweise dazu ziert Lucas‘ Konterfei auf dem aktuellen Spieltagsplakat die Eingangstür des Lokals – man könnte fast meinen, wir seien in einem „Lucas-Gertz-Restaurant“.

Ein Restaurant wurde dem Löwen-Guard bisher noch nicht gewidmet. Dazu kann es natürlich noch kommen, denn der 25-Jährige ist eine Art Unikat im Braunschweiger Basketball. Als einer der Wenigen durchlief Lucas das komplette Jugendkonzept in der Löwenstadt: Von der SG-Jugend über die NBBL-Mannschaft bis hin zur ProB spielte er in allen Teams – und schaffte vor zwei Jahren den Sprung vom Doppellizenzspieler zum Profi-Basketballer bei den Löwen. Im Alter von sechs Jahren machte Lucas in Argentinien seine ersten Schritte im organisierten Basketball. Viele werden sich jetzt verwundert die Augen reiben: Argentinien? Ja, richtig gelesen. In Córdoba, mit 1,3 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt Argentiniens, waren Lucas und seine Familie bis zu seinem zwölften Lebensjahr beheimatet. Anfang des Jahrtausends trifft das südamerikanische Land eine Wirtschaftskrise in Folge dessen sich die Familie Gertz entscheidet, ihren Lebensmittelpunkt nach Deutschland zu verlegen: „Das Leben dort war irgendwann zu teuer für eine Familie mit drei Kindern. Aufgrund meines Vaters gab es die Möglichkeit, hier in Deutschland Pässe zu bekommen“, berichtet Lucas. Sein Vater ist gebürtiger Deutscher, seine Mutter Argentinierin. Lucas selbst ist heute noch in Besitz beider Staatsbürgerschaften und erzählt dies mit einem gewissen Stolz in der Brust. Im Hause Gertz wird auch heute noch zweisprachig parliert: „Wir sprechen eigentlich immer eine Mischung aus Deutsch und Spanisch. Wenn uns ein bestimmtes Wort in der einen Sprache nicht einfällt, sprechen wir eben in der anderen weiter“, erzählt Lucas lachend. 

Ohne ein Wort Deutsch ging es vor 13 Jahren schweren Herzens in ein neues Leben: „Anfangs war es auf Deutsch gesagt ,scheiße', ich wollte nichts davon wissen. Ich habe dann aber, auch mit Hilfe des Basketballs, schnell Fuß gefasst und viele Freunde gefunden. Mittlerweile ist mein Freundeskreis hier so groß wie zu dem Zeitpunkt, als wir Argentinien verlassen haben.“ Freunde und Verwandte hat „Luc“, wie er häufig gerufen wird, in Argentinien noch viele – insbesondere seine Schwester, die es nach ihrem Abitur wieder zurück in die Heimat zog. Dass Lucas diesen Schritt nicht nachahmte, führt er vor allem auf seine Basketballkarriere zurück.

Zu Besuch war er in Argentinien vor vier Jahren zum bisher letzten Mal. Und das aus einem ganz simplen Grund: „Wenn wir hier Sommerpause haben, ist in Argentinien Winterzeit. Und ich habe nicht wirklich Lust, meinen Sommer im Winterurlaub zu verbringen“, sagt er schmunzelnd.?Trotz der großen Distanz verfolgt seine Schwester möglichst jedes seiner Spiele – wie auch der Rest der Familie. Lucas‘ Eltern, sein Bruder Roger und seine Freundin Sarah sind bei den Heimspielen immer live vor Ort, die Auswärtsspiele sehen sie im Internet. Roger war es auch, der ihn früher zum Basketball brachte. Kurioserweise spielten die beiden, die zehn Jahre trennt, in der 2. Regionalliga für eine Partie zusammen in einem Team. Lucas nahm nach einer seiner vielen Verletzungen den Umweg über die niedrigere Spielklasse, um Spielpraxis für die ProB-Mannschaft zu sammeln.

Auf seinem Weg in die Basketball Bundesliga bremsten ihn regelmäßig Verletzungen aus. Beide Fußknöchel bereiteten ihm immer wieder Probleme. So warf Lucas gerade auch ein Außenbandanriss im Sprunggelenk zurück, den er sich nur wenige Stunden nach unserem Treffen, am 17. Februar, zuzog. Seine Ausfallzeit war glücklicherweise nicht allzu lange und der Guard wird bereits gegen Crailsheim wieder zum Einsatz kommen können.

„Mein Ziel war es schon immer, in der Bundesliga zu spielen. Mein Ziel war es allerdings nicht, dies erst so spät zu erreichen“, macht er seine vielen Wehwehchen auch mitverantwortlich für den Spätstart. Dies ist vielleicht auch ein Grund, weshalb Lucas seine sportliche Karriere bisher ausschließlich in Braunschweig verbracht hat. Der Verein habe ihm immer wieder eine Chance gegeben, sodass er nie ernsthaft über einen Vereinswechsel nachdenken konnte oder wollte: „Aber dadurch, dass ich schon so lange hier bin, sehen mich natürlich viele im Club noch als den ‚kleinen Lucas‘ von früher. Das ist bei Spielern, die den Verein wechseln, selbstverständlich nicht so.“ Dennoch scheint es für Lucas das Schönste zu sein, für die Basketball-Profimannschaft der Stadt aufzulaufen, in der er aufwuchs.

Vor knapp zwei Jahren unterschrieb er im Alter von 24 Jahren seinen ersten Profivertrag – die ersten Bundesliga-Spiele absolvierte er allerdings schon in der Saison 2011/12. Vier Spielzeiten später ist der Guard und Flügelspieler ein fester Bestandteil der Rotation von Raoul Korner. Mit knapp 14 Minuten steht er im Schnitt doppelt so lange auf dem Feld wie in der letzten Spielzeit und entlastet mit seiner Vielseitigkeit und Passstärke die Teamkollegen im Löwen-Backcourt. Lucas spielt sich dabei nicht unbedingt als Scorer ins Rampenlicht, sondern fällt eher durch seine Verteidigungs- und Pick-and-Roll-Fähigkeiten auf. Hinzukommend erfüllt er äußerst verlässlich die ihm aufgetragenen Aufgaben.

Als vorläufiger Höhepunkt kann der 83:79-Erfolg gegen Tübingen in seiner Biographie vermerkt werden. Das Braunschweiger Eigengewächs spielte 28 Minuten, in denen er in puncto Assists und Steals Karrierebestleistungen erzielte. Und: Mit einem Tip-In in der Offensive und dem siegbringenden Ballgewinn in der Defensive war Lucas der Matchwinner der Partie! Als einziges Manko seiner ansonsten tadellosen Entwicklung kann vielleicht die Unsicherheit in seiner Wurfauswahl ausgemacht werden: „Es ist immer die Frage: Welchen Wurf nimmst du in Kauf, welchen nicht? In der ProB habe ich darüber nicht nachgedacht. Dort wusste ich, wenn ich diesen Wurf nicht treffe und den folgenden auch nicht, bleibe ich trotzdem im Spiel. In der BBL ist der Druck ein anderer: Da kann es sein, dass ich nach zwei vergebenen Würfen eventuell wieder auf der Bank sitze. Doch seitdem ich meine 20 Minuten Spielzeit erhalte, legt sich diese Angst mehr und mehr und ich bekomme mehr Sicherheit über meinen Wurf“, erklärt Lucas. In dieser Hinsicht könne er sich bei einem Bundesliga-erfahrenen Spieler wie Nicolai Simon noch einiges abschauen, denn der wisse genau, welchen Wurf er sich nehmen kann.

Dieses Beispiel verdeutlicht unter anderem, wie sehr Lucas sein Spiel reflektiert: „Manchmal bin ich vielleicht auch zu selbstkritisch und stehe mir damit selbst im Weg. Im Endeffekt sage ich mir aber, dass ich keine Maschine bin. Und wenn es nicht läuft, dann läuft es einfach mal nicht.“ Ausgezeichnet lief in dieser Saison allerdings schon oft das Zusammenspiel mit Amin Stevens. Das bescherte den beiden Löwen mit einem ihrer Alley-Oops bereits eine Nominierung in der Telekom Basketball Top 10 des Spieltags. „Das war schon ein schönes Gefühl dort dabei zu sein. Obwohl es vorher einige meiner ‚behind-the-back‘-Pässe durchaus auch verdient gehabt hätten“, fügt er mit einem Augenzwinkern an. Dass Lucas und Amin sich auffällig häufig suchen, ist nicht einstudiert, sondern intuitiv entstanden: „Wir liegen auf dem Feld auf einer Wellenlänge.“

Parallel zu seiner Entwicklung auf dem Parkett arbeitet Lucas an der Karriere nach dem Profisport. An der Fernuniversität Hagen studiert er im ersten Semester Psychologie. Vielleicht ja auch, um seine eigene Spielpsychologie aufzulockern??Die Zeit zwischen dem Morgentraining und der Einheit am Abend nutzt der Löwe mit der Rückennummer fünf folglich nicht wie manche Kollegen mit Videospielen oder Filmen, sondern um eine Basis für seine Zukunft zu schaffen. „Ich fand es schon immer spannend, wie es in den Köpfen der Menschen aussieht und wie sie sich in bestimmten Situation verhalten. Und ich glaube, dass ich Arbeit von Privatem gut trennen könnte. Ansonsten würde man diesen Beruf nicht durchziehen können“, erläutert Lucas seine Entscheidung für das Psychologie-Studium, welches eine Studienzeit von zwölf Semestern umfasst. „Außerdem war es meinen Eltern immer wichtig, dass ich neben dem Basketball etwas zusätzlich mache. Und ich denke auch, dass ich die ausreichend freie Zeit so sinnvoll nutzen kann.“ Der Spagat zwischen Sport und Studium gelingt ihm bisher ausgesprochen gut, wie er berichtet. Es sei zudem ein guter Ausgleich, um abzuschalten und bedeute für ihn daher mehr Spaß als Stress. „Es würde mich reizen, eine eigene Praxis zu haben“, gibt Lucas Einblick in seine Zukunftspläne.
Bis das soweit ist, möchte er aber noch weitere Spieltagsplakate in Braunschweig zieren.

Text: Frederik Dippe


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