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Karim Jallow lässt es gerne mit einem Dunk krachen. Foto: SoulClap Media

„Ich will hier eine noch größere Rolle einnehmen, gerne auch als Leader“

26.06.2020

Karim Jallow war in seiner ersten Saison im Löwen-Trikot gleich ein Leistungsträger und hat die Fans mit seinem starken Einsatzwillen, seinen Dunks und seiner Energie begeistert. In diesem Interview spricht der Forward u.a. über die gegenwärtige Situation, seine Ziele und erklärt, warum es dieses Jahr bei ihm offensiv richtig gut lief.


Karim, lass uns kurz einen Blick zurückwerfen. Anfang März habt ihr auswärts beim SYNTAINICS MBC gewonnen, nur eine Woche später wurde die easyCredit BBL-Saison aufgrund der Corona-Situation gestoppt. Wie hast du das für die Löwen abrupte Saisonende und die vergangenen drei Monate der Corona-Krise erlebt?

Karim Jallow: Es ging alles so schnell und plötzlich. Das eine Wochenende stehen wir noch beim MBC auf dem Parkett und holen einen Sieg. Und eine Woche später findet unser Spiel bei ALBA BERLIN schon nicht mehr statt. Ich glaube es hat kaum jemand kommen sehen, dass die Corona-Krise so ausartet, so harte Maßnahmen getroffen werden mussten und damit folglich alles so gut wie stillstand. Gerade zu Beginn war es sehr ungewiss, wie es weitergeht und das war für mich, wie für die meisten anderen eine schwere Zeit. Ich konnte in dieser Phase auch nicht zu meiner Familie und war in den ersten vier Wochen isoliert zu Hause hier in Braunschweig. Das war schon eine Herausforderung und damit musste ich erstmal lernen umzugehen.

Was hast du getan, um diese Situation bestmöglich zu meistern?

Ich habe mich anfangs ehrlich gesagt sehr gehen lassen, allerdings hat das die Situation nicht besser gemacht. Deshalb habe ich versucht, einen gewissen Tagesablauf einzuführen und diesen beizubehalten. Ich habe also nicht mehr bis 12 Uhr geschlafen, sondern habe mir den Wecker auf 9 Uhr gestellt, gefrühstückt, bin dann joggen gegangen, habe ein paar Workouts zu Hause gemacht und anschließend Mittag gegessen und danach etwas „gechilled“. Dieser Rhythmus hat mir ein bisschen geholfen. Aber es war dennoch keine einfache Situation. Irgendwann konnte ich auch das Netflix-Zeichen nicht mehr sehen, Bücher hatten ihren Reiz verloren. Zum Glück gibt es Internet und Facetime und irgendwie ist der Tag schon rumgegangen. Insgesamt waren die ersten vier Wochen aber schon hart.

Dann gab es die ersten Lockerungen und diese Phase hast du genutzt, um nach München zu deiner Familie zu fahren.

Ja und das war super. Es war ein kompletter Gegensatz zu den Wochen zuvor. Ich hatte in den vergangenen fünf Jahren nicht annähernd so viel Zeit für meine Familie und Freunde. Das war wirklich sehr schön. Zu diesem Zeitpunkt ist auch das Wetter besser geworden. Ich habe viel mehr Zeit draußen verbracht, viel mit meinem Bruder und überhaupt mit meiner Familie unternommen. Das hat mir unheimlich gut getan und war grob formuliert so etwas wie mein Urlaub.

Ganz die Finger vom Basketball lassen konntest du aber nicht, oder?

Natürlich nicht (lacht). Ich habe mir zu Hause gute Duelle mit meinem Vater und meinem Bruder geliefert. Mein Bruder spielt ja auch Basketball und es ist nicht mehr so wie früher, wo er gegen mich ordentlich kassiert hat. Er hat sich gut weiterentwickelt, weshalb wir wirklich gute Spiele gegeneinander hatten. Das gleiche gilt bei meinem Vater, der früher auch gespielt hat. Dementsprechend haben mich beide ordentlich gefordert und das hat richtig Spaß gemacht. Da wir wieder in die Halle gehen dürfen, bin ich auch seit der ersten Juniwoche wieder zurück in Braunschweig. Mit unserem Headcoach Pete, mit dem ich ohnehin die ganze Zeit in Kontakt stand, habe ich einen Plan dahingehend ausgearbeitet, was meine Ziele sind und woran ich arbeiten will. Und seitdem trainiere ich wieder täglich.

Woran willst du denn arbeiten bzw., was möchtest du verbessern?

Wir haben gegenwärtig wirklich viel Zeit und deshalb will ich diese nutzen, um mich in allen Bereichen zu verbessern. Wir arbeiten an allen Sachen von A bis Z. Dazu gehören zum Beispiel mein Ballhandling, das Passen, mein Wurf, meine linke Hand. Wir wollen an diesen Skills konstant arbeiten. Sicherlich werde ich mich auf ein paar Dinge fokussieren, aber im gegenwärtigen Training geht es um alles.

Du bist bekannt dafür, mit viel Energie zu spielen und gut zu verteidigen. In dieser Saison 2019/20 hast du auch offensiv einen großen Schritt nach vorne gemacht und bist mit 13,2 Punkten pro Spiel viel mehr in Erscheinung getreten, als es jemals zuvor der Fall war. Wie erklärst du dir das?

Ich habe immer wieder gesagt, dass es als junger Spieler verdammt wichtig ist, Selbstvertrauen zu haben. Und gerade am Anfang ist es so, dass du dir über deine Einsatzzeiten Selbstvertrauen erarbeiten musst. Entweder du hast es dann oder der Coach gibt es dir. Im Idealfall ist es eine Kombination aus beidem. Und ich bin der Meinung, dass Pete da eine richtig gute Mischung gefunden hat und es auch mit sein Verdienst ist, dass ich diese Saison offensiv gut gespielt habe. Er hat mir und jedem Spieler viele Freiheiten gegeben. Gerade bei mir war es so, dass ich mich bei meinen vorherigen Klubs ein bisschen „eingesperrt“ gefühlt habe. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich nicht zu viel darf und wenn ich einen Fehler mache, dann gehe ich auch gleich wieder auf die Bank. Das sitzt im Kopf und hat mich in den vergangenen Jahren etwas verunsichert was meine Offensive anbelangt. Dieses Jahr hat mir Pete von Tag 1 das Selbstvertrauen gegeben, meine Stärken zu nutzen und wenn mein Wurf frei ist, ihn zu nehmen – auch wenn der Wurf nicht meine größte Stärke ist. Pete hat mich aber auch nicht ausgewechselt, wenn ich zwei Mal daneben geworfen oder schlechte Entscheidungen getroffen habe. Stattdessen habe ich nochmal die Chance erhalten, es besser zu machen. Das hat mir schon sehr, sehr geholfen und ich würde auch sagen, dass das Selbstvertrauen den Großteil meiner offensiven Leistungssteigerung ausgemacht hat. Denn von den Skills her wäre ich schon eher bereit gewesen, mehr zu geben. Aber es war noch nicht so in meinem Kopf, dass ich es kann und auch darf.

Würdest du die Saison 2019/20 vielleicht auch als deine Durchbruchsaison bezeichnen?

Ich denke schon. Zwar habe ich zuvor schon in der Nationalmannschaft gespielt und die Leute wussten, wer ich bin. Aber ich glaube, dass ich mich jetzt ein Stück mehr in der BBL etabliert und gezeigt habe, was ich wirklich kann. Ich habe mich in allen Bereichen um einiges verbessert und deshalb beschreibt das Wort „Durchbruchsaison“ es schon recht gut.

Was sind darauf basierend deine nächsten Ziele? Du hast in der Vergangenheit gesagt, dass es dein Traum ist, irgendwann in der NBA zu spielen. Ist das nach wie vor akut?

Ja, schon. Es ist mein Traum und mein Ziel, eines Tages in der NBA zu spielen und dafür arbeite ich jeden Tag hart. Ich war 2018 über den „early entry“ zum NBA Draft angemeldet. Das haben wir damals aber nur gemacht, um zu schauen, wie das Interesse an mir ist. Es war mir bewusst, dass ich nicht gezogen werde. Aber ich konnte so ein bisschen in alles hineinschauen, die Teams konnten mich kennenlernen und ich konnte Workouts mitmachen. Das war eine eher taktische Entscheidung und deshalb habe ich damals auch zurückgezogen. Nach der Ludwigsburg-Saison war ich automatisch im Draft und hatte davor auch acht Workouts, die alle sehr gut gelaufen sind. Ich glaube, wenn ich eine bessere Saison in Ludwigsburg gehabt hätte, dann wären meine Chancen wahrscheinlich höher gewesen. Dennoch haben mir die Workouts sehr geholfen, weil ich mich dort gut präsentieren konnte, alle begeistert waren und sagten, dass sie mich weiter verfolgen würden. Diese Saison waren auch immer wieder mal NBA Scouts da. Ich hatte auch ein, zwei Gespräche bezüglich dieses Sommers, aber da ist Corona dazwischen gekommen. Das ist sicherlich ein bisschen schade, aber ich mache mir keinen Stress und Druck damit, in die NBA zu kommen. Die Tür ist noch lange nicht zu. Ich werde mein Bestes dafür geben und ob es dann irgendwann klappt, wird sich zeigen. Aber es bleibt natürlich mein Ziel.

Die NBA ist also eher ein perspektivisches Ziel. Und wie sieht es mit der kommenden Saison aus?

Ich habe einen laufenden Vertrag in Braunschweig und ich bin hier sehr zufrieden – auch mit der Rolle, die ich auf dem Parkett habe. Ich will hier kommende Saison richtig Gas geben, mich weiter verbessern und auch eine noch größere Rolle einnehmen, gerne auch als Leader. Ich war schon immer eher laut, hatte aber nie diese Führungsrolle. Ich bin aber der Meinung, dass ich in der vergangenen Saison und in den Jahren zuvor sehr gereift bin und würde es mir zutrauen, dass ich in diese Richtung durchaus mehr geben kann. Und wenn ich meine Leistungen aus dieser Saison in der kommenden bestätigen kann, dann stehen mir für die Zukunft sicherlich viele Türen offen.

Abschließend die Frage: Das easyCredit BBL Finalturnier 2020 ist kurz vor dem Ende. Tut es dir rückblickend auf das Turnier weh, dass du die Spiele nur über MagentaSport sehen, aber nicht selbst aktiv dabei sein konntest?

Auf jeden Fall. Ich habe anfangs nicht geglaubt, dass das Turnier wirklich stattfinden kann. Aber auch wenn die Gründe der Löwen, nicht daran teilzunehmen, absolut nachvollziehbar waren, ist es jetzt schon ein bisschen schade, dass wir nicht dabei waren. Vor allem vor dem Hintergrund, dass die BBL die zunächst die einzige Liga war, die gespielt hat. Viele Leute schauen zu und ich glaube auch, dass es für die teilnehmenden Teams und Spieler eine mega Erfahrung ist bzw. war. Es ist sicherlich etwas ganz Besonderes, an diesem Turnier teilgenommen zu haben und eine einmalige Sache. Aber auf der anderen Seite hatte und habe ich um so mehr Zeit, um an mir selbst zu arbeiten. Deshalb sehe ich die Situation durchaus auch sehr positiv und hänge mich voll im Training rein.

Vielen Dank, Karim.


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