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Hat jetzt gut lachen: DeAndre Lansdowne. Foto: Florian Koch

DeAndre Lansdowne und die Lücke im Basketball-Lebenslauf

19.10.2017

Am rechten Flügel erhält DeAndre Lansdowne am Perimeter den Ball, kann sich trotz enger Bewachung des Bremerhavener Gegenspielers loslösen, nutzt auf dem Weg zum Korb einen Block von Scott Eatherton und schließt kraftvoll am Ring ab: Die ersten Punkte von Dre, wie er genannt wird, nach nur 18 Sekunden bei seinem Debüt in der easyCredit Basketball Bundesliga. „Das war ein gelungener Start, es hat sich richtig gut angefühlt auf dem Parkett“, erklärte ein erleichterter Dre spätabends nach der Partie. Bis der heute 28-Jährige auf der BBL-Bühne auftauchen konnte, musste er einen steinigen Weg mit vielen Hindernissen meistern.


Familie mit besonderer Bindung

Geboren in Albuquerque, im US-Bundesstaat New Mexico, wuchs Dre mit seinem Bruder Josh und seiner Schwester Shante bis zu seinem sechsten Lebensjahr in einem Kinderheim auf. An seinem sechsten Geburtstag wendete sich das Blatt für den sympathischen Flügelspieler: Er wird von einem weißen Paar adoptiert, aber von seinen Geschwister getrennt. „Sie sind aber in anderen Pflegefamilien in Albuquerque untergekommen, sodass wir in Kontakt bleiben konnten. Auch heute haben wir eine enge Beziehung, mein Bruder ist mein bester Freund“, erklärt der Löwen-Neuzugang. Seine Pflegeeltern Betty und John haben sein Leben komplett verändert: „Sie haben den Basketball in meine Hände gelegt, haben mir ein besseres Leben verschafft und die Möglichkeit gegeben, eine bessere Person zu werden“, betont er. Aufgrund seiner Adoption habe die Familie eine andere Bedeutung für ihn. Es ist für ihn eine Verbindung, die von großer Dankbarkeit geprägt ist und keine Verbindung im Sinne von „Ihr habt mich auf diese Welt gebracht“.

Vom Arbeiter zum Basketballprofi

An einem bestimmten Punkt im Leben der Nummer 8 im Löwen-Trikot wurde diese Bindung auf eine harte Probe gestellt. Es ist der Sommer 2011, Dre hat soeben seine sportliche Laufbahn am Fort Lewis College in Colorado abgeschlossen. Über volle vier Jahre trug der 1,88 Meter große Guard das Jersey der Skyhawks in Durango, schwang sich in dieser Zeit zum All-Time-Leader der Schule in Sachen Scoring auf: „Das College war eine aufregende Zeit für mich. Und der Campus glücklicherweise nur knapp dreieinhalb Stunden von zu Hause entfernt, hoch in den Bergen von Colorado gelegen. Einige der Mitspieler gehören noch heute zu meinen engsten Freunden“, erzählt Dre mit strahlenden Augen. Mit einer formidablen College-Laufbahn im Gepäck hätte es doch vermutlich ein Leichtes sein müssen, die ersten Schritte im Profibereich zu gehen. Weit gefehlt! „Damals haben dich die Agenten noch nicht einfach angeschrieben und auch YouTube war noch nicht so groß, sodass du von überall Filme hochladen und streamen konntest. Das hat vieles verkompliziert“, erklärt der Neu-Löwe. Ein Agent jedoch zeigte Interesse daran, Dre als Klienten in seine Agentur aufzunehmen: „Eines Morgens versprach er mir, im Laufe des Tages einen Vertrag aufzusetzen, sodass er mich ab dem Moment hätte vertreten können. Doch nach dem Telefongespräch hörte ich nichts mehr von ihm, er war wie vom Erdboden verschluckt“, blickt Dre zurück.

Aufzugeben war keine Option für die Kämpfernatur. Über verschiedene Kanäle (lies: ehemalige Mitspieler) versuchte Dre seinen Fuß in die „Profi-Tür“ zu bekommen, doch bis in den Dezember 2011 rührte sich nichts. „Um Weihnachten herum dachte ich mir: 'Du musst die Realität akzeptieren'. Ich habe meine Basketballschuhe im Schrank verschlossen und über Nacht einen Job bekommen“, beschreibt Dre die Abkehr von seinem geliebten Sport. In einem Einrichtungshaus entpackte Dre in der Nacht Kartons und Boxen, tagsüber drückte er die Schulbank, um ein Sportstudium zu beenden. Einen weiteren Job absolvierte er in einem Möbelhaus, in dem er vornehmlich Wohneinrichtungen verkaufte. „Ich war eben ein ganz normaler Arbeiter“, sagt er ganz nüchtern. In dieser Zeit war die Beziehung zu seinen Eltern nicht immer einfach, hatte Dre zu dem Zeitpunkt doch keinen wirklichen Plan, wohin ihn das Leben führen sollte. Ende 2012 juckte es den damals 23-Jährigen wieder in den Fingern. „Ich wollte es nochmal versuchen und habe meine Eltern um Unterstützung gebeten. Ich wollte noch einmal alles reinwerfen, um Basketballprofi zu werden“, so der Mann mit dem starken Drive zum Korb. Bis in den Sommer 2014 habe er sich vorbereitet, knapp acht Monate dafür benötigt, um wieder in eine vernünftige körperliche Form zu kommen. In dieser Zeit habe er nicht einmal Pick-Up-Games gespielt, sondern sich nur auf seinen Körper fokussiert.

Mexiko: Das Sprungbrett nach Europa

Mit Hilfe eines neuen Agenten erhält Dre die Chance, sich in Mexiko zu beweisen. Dort weiß er in einer ligainternen Vorauswahl nicht als Scorer zu überzeugen, sticht dafür aber als einer heraus, der das Spiel versteht. Deshalb nimmt ihn der amtierende Meister Pioneros de Delicias auf. Das Problem dabei: der Verein hat bereits das Importkontingent mit zwei US-Amerikanern ausgeschöpft. Also setzt Dre die ersten Spiele aus, bis er die Möglichkeit bekommt, den schwächelnden US-Big Man zu ersetzen. Dre weiß umgehend zu überzeugen, erzielt 36 Punkte und darf dennoch wieder auf der Tribüne Platz nehmen. Ganz unverhofft folgt doch die Wende in Mexiko: „Kurz vor einem Spiel knickte der Big Man mit seinem Fuß um, ich rutschte in die Rotation und blieb dort bis zum Ende der Saison. Und der Rest ist Geschichte“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Der „Rest“ führt den aufgeschlossenen und redseligen US-Amerikaner im Sommer 2015 zunächst nach Deutschland in die ProB zu den Hertener Löwen. Dort legt er in einem Spiel gegen Schwelm ein Career-High von 46 Punkten auf. Im Folgejahr steht „DL8“ für die Hamburg Towers (ProA) auf dem Parkett, muss aufgrund von Verletzungsproblemen des Teams zeitweise als Power Forward aushelfen und löst diese Aufgabe auch dank seines kräftigen Oberkörpers mehr als gut. „Statistisch war es nicht mein bestes Jahr. Aber ich habe einen Agenten, der mein Spiel und die BBL genau kennt. Unser Ziel war es, zumindest meinen Namen ins Gespräch zu bringen“, beschreibt Dre seine Gedanken im Sommer 2017.

Fokus auf das Hier und Jetzt

Was folgt, ist tatsächlich der nächste Schritt auf der Karriereleiter: Bundesliga-Basketball bei den Basketball Löwen Braunschweig. „Ich bin jetzt auf dem Level, auf dem ich mich als Spieler wähne. Ich möchte jetzt ein guter Spieler auf BBL-Niveau werden“, umreißt er sein Bestreben für die Saison 2017/2018. Und dann? „Es wäre großartig, irgendwann in der Zukunft bei einem Euroleague-Team im Kader zu stehen. Momentan bin ich aber vollkommen darauf fokussiert, in Braunschweig eine gute Saison zu spielen.“ So fokussiert, wie er sich an jenem Abend gegen die Eisbären Bremerhaven präsentierte, als er mit 16 Punkten direkt zum Topscorer der Löwen avancierte – der nächste kleine Schritt auf dem ungewöhnlichen Karriereweg des Dre Lansdowne.

Text: Frederik Dippe


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