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Als Löwe das Selbstvertrauen zurückgeholt

05.04.2018

Anthony Morse wird hin und wieder als Rohdiamant bezeichnet. Und es gibt auch Personen, die Ähnlichkeiten zwischen ihm und dem früheren Braunschweiger Spieler und „Energizer“ Jason Cain sehen. Die energievolle Spielweise sowie das Entwicklungspotenzial sprechen für den Vergleich – beides hat Anthony über die Saison gezeigt hat. Gegen den FC Bayern zeigte er vor knapp drei Wochen eine seiner besten Leistungen in dieser Spielzeit. Kaum zu glauben, dass der athletische Forward noch vor nicht allzu langer Zeit darüber nachdachte, seine junge Karriere zu beenden...


Anthony begann recht spät mit dem Basketball – nämlich im Alter von 11 Jahren. Vorher spielte er Baseball, das sogar recht gut. Und in Sachen Football war er auch aktiv, ehe seine Lehrerin ihn aufgrund seiner Körpergröße vorschlug, mit dem Basketballspielen zu beginnen. Das tat Anthony zunächst an der Middle School, bis er später an die Tennessee Tech University (NCAA1) ging und dort für die Golden Eagles spielte. Für die Eagles lief der 23-Jährige von 2012 bis 2016 auf und hatte seine stärkste Saison als Senior. In dieser letzten Spielzeit 2015/16 startete Anthony in allen 31 Partien und kam in durchschnittlich 23 Spielminuten auf 7,7 Punkte und 5,9 Rebounds. Herausragend war hingegen seine Statistik in der Kategorie der geblockten Würfe. 59 Mal blockte er gegnerische Würfe über die gesamte Saison gesehen, was gleichbedeutend mit dem besten Wert in der Geschichte der Tennessee Tech seit 2008/09 war.

„Als ich meine Senior-Saison beendet hatte, fühlte ich mich richtig gut. Ich dachte, dass ich der ,Mann' auf dem Spielfeld bin“, erzählt Anthony rückblickend, wie groß sein Selbstvertrauen zu dem Zeitpunkt war. Doch das änderte sich ganz schnell. Der sprunggewaltige Forward ging für seine erste Profisaison nach Ungarn und erhielt dort beim Klub Atomeromu SE Paks einen befristeten Vertrag. Anthony ersetzte den damals verletzten Ryan Watkins, hatte aber Schwierigkeiten, sich einzugewöhnen. „Es war eine harte Zeit für mich. Ich war gerade vom College gekommen, war das erste Mal in Europa und musste mich an die Umgebung, aber auch an das andere Spiel gewöhnen. Ich bin mit allem nicht so gut klargekommen“, sagt Anthony, der für Atomeromu in 15 Spielen auf durchschnittlich 3 Punkte und 5 Rebounds kam. Sein Vertrag bei dem ungarischen Klub wurde nicht verlängert, woraufhin er nach Italien ging und ab Februar 2017 beim Erstligisten Brescia mittrainieren konnte.

Dass er nach Italien ging, lag nah. Denn seine damalige Freundin und mittlerweile Verlobte Elisa ist Italienerin und lebt(e) auch dort. Beide lernten sich zufällig 2014 in der Dominikanischen Republik kennen, sie machte dort Urlaub, während der heutige Löwe dort ein Spiel bestritt. Beide blieben danach in Kontakt. Elisa studierte zu diesem Zeitpunkt Jura und reiste im Rahmen dessen alle zwei Monate in die USA. Und wann immer sie dort war, traf sie Anthony. Daraus entwickelte sich eine feste Beziehung, die Anthony in den vergangenen 1,5 Jahren eine große Stütze war. Denn nachdem der Forward in Ungarn nicht Fuß fassen konnte, war sein Selbstvertrauen im Keller. „Ich habe so sehr an mir gezweifelt und einen Abend in meinem Apartment in Ungarn gesessen und mir gesagt: ,Basketball ist wohl einfach nichts für mich.' Ich war kurz davor, mit dem Basketball aufzuhören und dachte es wäre besser, als Ingenieur in den USA zu arbeiten“, berichtet der 2,06-Meter-Mann aus Lawrenceville im US-Bundesstaat Georgia.

Elisa arbeitete zu diesem Zeitpunkt bereits in einer Rechtsanwaltskanzlei in Italien und als Anthony dann in Brescia war, fuhr sie dort an den Wochenenden hin. In dieser Zeit versuchte sie, ihm gut zuzureden und sein Selbstvertrauen zurückzubringen. „Ich habe ihn ja am College spielen sehen und wusste, dass er Basketball spielen kann – und zwar gut. Also habe ich ihm gesagt, dass er das sehr wohl kann und habe ihn gepusht.“ Die Tatsache, dass Anthony bei Brescia trainieren konnte, hat ihm auch etwas geholfen, ebenso die Unterstützung von Elisa's Familie. Sie ist wie eine zweite Familie für den Forward geworden, der in der Offseason mehr Zeit in Italien als in seiner Heimat in den USA verbringt.

So war er auch vergangenen Sommer in Italien und bekam dann die Chance, beim italienischen Top-Klub Avellino die Vorbereitung auf die Saison mitzumachen. Löwen-Headcoach Frank Menz erfuhr über seine Spielerbeobachter von dem talentierten Big Man und flog nach Italien, um sich in einem Testspiel selbst einen Eindruck von Anthony zu machen. Er selber wusste nicht, dass der Löwen-Headcoach angereist war, um ihn zu beobachten. Doch das hatte sich gelohnt. „Anthony hat mich überzeugt und erfüllt das Spielerprofil, das wir gesucht haben. Er ist ein physischer und athletischer Spieler, der seine Stärken in Brettnähe und beim Rebounding sowie in der Verteidigung hat. Er wird Scott Eatherton auf der Center-Position Entlastung geben und kann auch auf der Power Forward-Position spielen“, hatte Frank Menz damals bei der Verpflichtung gesagt. Und Anthony hat das über die bisherige Saison immer mehr bestätigt.

Vor allem in den vergangenen Wochen trumpfte der Super-Athlet mehr und mehr auf. Gegen die Top-Teams Bayreuth und München schrammte er knapp an einem Double-Double vorbei und sammelte gegen den Tabellenführer FC Bayern starke 16 Rebounds ein. „Mit jedem Spiel und jeder Minute, die ich hier auf dem Parkett stehe, hole ich mir Selbstvertrauen zurück. Auch deshalb bin ich sehr dankbar für die Chance, die mir hier gegeben wurde“, sagt Anthony.

Der Forward fühlt sich in der BBL mittlerweile richtig wohl, das physische und schnelle Spiel liegt ihm einfach. Aber Anthony möchte es nicht darauf beruhen lassen, nur seine Stärken in Brettnähe auszuspielen und die Fans mit krachenden Dunks von den Sitzen zu reißen. „Ich muss unbedingt an meinem Wurf arbeiten. Zu Collegezeiten habe ich viel aus dem Feld geworfen und konnte das recht gut. Aber mit dem sinkenden Selbstvertrauen nahm ich auch immer weniger Mitteldistanzwürfe. Mein Mut, diese Würfe zu nehmen, kommt gerade wieder zurück und den brauche ich auch. Denn ich sehe mich eher auf der 4 als auf der 5“, so Anthony. Und wenn man ihn jetzt nach seinen weiteren Zielen fragt, dann fallen neben dem Wunsch nach eigener Verbesserung auch die Worte Euroleague und NBA. „Ich hoffe und wünsche mir, dass ich dort eines Tages mal spielen werde“, sagt der Highflyer, dessen Selbstzweifel sich bei den Löwen immer mehr in Luft aufzulösen scheinen.


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